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Kurz gefragt: „China in 10 Antworten“

Perspektiven aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis

Bitte stellen Sie sich kurz vor: Wer sind Sie, was machen Sie beruflich – und wie ist Ihr Bezug zu China?

Ich heiße Linus Schlüter und habe Religionswissenschaft sowie Sinologie studiert. Beruflich begleitet mich China über viele Jahre: Zunächst als Reiseleiter bei Aktivtouren, bei denen es darum ging, Land und Menschen vor Ort authentisch zu präsentieren. Danach war ich über ein Jahrzehnt als Kultur- und Sprachmittler an einem Konfuzius-Institut tätig. Seit September 2023 leite ich nun den Aufbau regionaler Chinakompetenzen für Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Thüringen.


Was war Ihre wichtigste persönliche oder berufliche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit China?

Seit 1996 beschäftige ich mich mit China – fast drei Jahrzehnte, in denen sich viele Erfahrungen gesammelt haben. Es gab Momente, die mich begeisterten, aber auch solche, die mich verunsicherten oder wütend machten.

Ein besonders prägendes Erlebnis war sprachlich: Ich hörte einen Satz, der zunächst sinnlos erschien – ich dachte, ich hätte ihn falsch verstanden. Erst später gelang es mir, die dahinterliegende Denkweise zu entschlüsseln. Dieses Moment symbolisiert für mich, was China für mich bedeutet: Die Möglichkeit, in eine andere Lebens- und Denkweise einzutauchen, sich neu auszurichten, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen und darin agieren zu können. Das ist die tiefe Freude, die ich an der chinesischen Sprache und Kultur finde.

Auf der anderen Seite gibt es auch Erfahrungen, die mich herausfordern. Als „Laowai“ wurde ich manchmal ausgeschlossen – nicht wegen mangelnder Kompetenz, sondern weil ich als „Westler“ als nicht ausreichend „sozialistisch“ oder „chinesisch“ eingeschätzt wurde. Das bringt mich zur chinesischen Sprache: Ein Chinese in Deutschland bleibt weiterhin Chinese, also „zhong“ – „chinesisch, Mitte“, während ich als Deutscher trotzdem „wai“ – „ausländisch, außen“ – bleibe. Diese Differenz ist nicht nur sprachlich, sondern auch strukturell: Sie zeigt, wie tief die Kategorien von „innen“ und „außen“ in der chinesischen Wahrnehmung verankert sind.

Solche Situationen lassen meine Begeisterung für China manchmal schwinden – aber sie machen ihn auch realer.


Warum ist China aus Ihrer Sicht heute ein relevanter Partner – fachlich, wirtschaftlich oder wissenschaftlich?

Als Sinologe ist die Forschung über China selbstverständlich relevant. Doch für mich geht es nicht nur um Wissen – sondern um Zugang. Und dieser Zugang ist nur möglich, wenn man Land und Menschen kennt.

Wirtschaftlich ist China ein bedeutender Absatzmarkt für deutsche Unternehmen – viele haben hier investiert und Gewinne erzielt. Gleichzeitig wird hier eine große Menge an Produkten hergestellt, die in Deutschland und Europa nachgefragt werden. Umgekehrt sind chinesische Akteure mittlerweile auch Investoren in Deutschland – wie etwa CATL, das in Thüringen eine Batteriefabrik errichtet hat und Arbeitsplätze schafft.

In der Wissenschaft gibt es in China mittlerweile exzellente Forschungseinrichtungen und gut finanzierte Programme. Viele Erkenntnisse, die wir in Deutschland erst langwierig und kostspielig aufbauen müssten, sind dort bereits vorhanden. Ich wünsche mir daher eine strategischere Herangehensweise an Partnerschaften – nicht nur auf Basis von Projekten, sondern mit klaren Fragen: Wer sind die besten Forschenden? An welchen Einrichtungen sollten wir Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler entsenden? Dafür bräuchte es eine nationale Kompetenzplattform – ähnlich den „Science and Technology Diplomats“ (科技外交官), die China bereits hat.


Was unterscheidet die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern am stärksten von anderen internationalen Kooperationen?

Ich kann das nur aus meiner Erfahrung beurteilen – bisher habe ich nur mit China zusammengearbeitet. Aber eine zentrale Differenz liegt in der Struktur eines Staates, in dem eine Partei den Führungsanspruch besitzt und durch doppelte Strukturen letztlich das letzte Wort hat. Das wirkt sich auf Entscheidungsprozesse, Kommunikation und Vertrauensbildung aus – und unterscheidet sich sicherlich deutlich von Kooperationen in anderen Ländern.


Welche typische Herausforderung tritt in der Zusammenarbeit mit China immer wieder auf?

Die Herausforderungen sind stark kontextabhängig. Es gibt keine universelle Antwort – sie hängen von der Institution, der Branche, der politischen Lage und den individuellen Beziehungen ab.


Gab es eine Situation oder auch ein Missverständnis, aus der Sie besonders viel gelernt haben?

Es waren viele Situationen, die sich wie ein Puzzle zusammensetzen. Ich bin in viele Fettnäpfchen getreten – und sie erscheinen mir alle gleich groß.

Eine Erinnerung bleibt: Ich war mit chinesischen Kommilitonen zum Weihnachtsessen in einem deutschen Restaurant. Während die anderen gegenseitig von ihren Gerichten probierten, blieb ich bei meinem eigenen – ich wollte es einfach genießen, ohne etwas abzugeben oder von anderen zu probieren. Damals verstand ich nicht, warum das als „Spielverderber“ galt. Die chinesische Seite verstand nicht, warum ich nicht mitmachte. Heute sehe ich: Es ging nicht um Essen – sondern um Teilhabe. Die Geste war ein Ritual der Verbundenheit. Ich habe gelernt, dass in manchen Kontexten nicht die individuelle Präferenz, sondern die kollektive Einbindung zählt.


Was hätten Sie gern gewusst, bevor Sie Ihre erste Kooperation oder Ihren ersten Forschungsaufenthalt in China begonnen haben?

Meine erste Reise nach China war naiv – ich wusste kaum etwas. In den 1990er Jahren hieß es oft: „Gibt es nicht“ (没有) oder „Das geht nicht“ (不行). Damals fühlte ich mich hilflos. Ich hätte gewusst, wie sehr dieses Gefühl der Unfähigkeit lähmt – und welche Strategien es gibt, sich wieder handlungsfähig zu fühlen. Das wäre hilfreich gewesen.


Welche Kompetenzen oder Vorbereitungen sind aus Ihrer Sicht entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit China?

Ich denke, es sind Sprach- und Kulturkompetenzen – auf beiden Seiten. Die chinesische Seite braucht ein Verständnis von Deutschland, also eine Deutschlandkompetenz. Die deutsche Seite braucht eine Chinakompetenz. Wer sie nicht in einen kulturellen Kontext einbettet, riskiert Missverständnisse. In der Praxis zählen in der Wirtschaft oft Zahlen, in der Technik Formeln und Werkstoffe –diese sind „kultur- und sprachlos“.


Wie hat sich der Austausch mit China in den letzten Jahren verändert – wissenschaftlich oder kulturell?

Die Hoffnung, dass Handel den Wandel bringen würde, hat sich nicht erfüllt. China ist ein verantwortungsbewusster Akteur – aber auch einer, der die Spielregeln beeinflusst. Seit der dritten Amtszeit von Xi Jinping ist die Parteilinie wieder stärker in den Vordergrund gerückt. Das hat auch Auswirkungen auf die Handlungsfreiheit von Menschen in China – wie die Maßnahmen während der Pandemie gezeigt haben oder die Verurteilungen von Menschenrechtsanwälten („709 Crackdown“). Dort wurde deutlich: Die Macht des Staates ist nicht nur strukturell, sondern auch alltäglich wirksam.


Welche eine zentrale Erkenntnis oder Empfehlung würden Sie anderen Forschenden mitgeben?

Kooperationen mit chinesischen Partnern sind spannend – aber sie führen außerhalb der Komfortzone. Man steht unter Rechtfertigungsdruck, unter Reputationsrisiken. Ändert sich die Parteilinie, kann das ein Projekt beenden. Machen Sie es nur, wenn Sie klare Ausstiegskriterien haben und Lust auf Abenteuer haben. Die Erfahrung wird Sie lange begleiten – und Ihr Leben bereichern.


Das YiQi-Team bedankt sich ganz herzlich für das offene Gespräch, die spannenden Einblicke
und Ihren wertvollen Beitrag zu unserer Reihe „Kurz gefragt: China in 10 Antworten“.
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